Fassungslos über perfide Loverboy-Masche

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Marc Henrichmann und Walburga Niemann hatten zur Infoveranstaltung über Loverboys eingeladen, Guido Prause von der Kreispolizei, Bärbel Kannemann als Gründerin des Vereins „NO Loverboys“ und Tanja Mesic (erste Reihe v.l.) von der Prostituierten-Beratung Tamar nahmen an der von Eva Voß (l.) moderierten Gesprächsrunde teil. Foto: Büro Marc Henrichmann

Fassungslos über perfide Loverboy-Masche

Aufrüttelnde Berichte in Dülmen / Noch mehr Prävention gefordert

Dülmen. Fassungslos verfolgten am Mittwochabend (14. November) mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Forum Bendix in Dülmen den Vortrag von Bärbel Kannemann, entsetzt über die perfide Masche sogenannter „Loverboys“. Eindringlich beschrieb die ehemalige Kriminalbeamtin, wie diese kriminellen Verführer das Leben von Mädchen und jungen Frauen sowie deren Familien zerstören. Beeindruckt war auch der heimische Bundestagsabgeordnete Marc Henrichmann. „Unser Ziel, über ein kaum bekanntes Phänomen zu informieren und wachzurütteln, haben wir erreicht“, bilanzierte er.

Gemeinsam mit dem „Runden Tisch – wir sind gegen Gewalt an Frauen und Kindern im Kreis Coesfeld“ hatte der Abgeordnete zu der Veranstaltung „Verliebt – verführt – prostituiert“ eingeladen. Zu Wort kamen Vertreterinnen von Hilfsorganisationen, Kriminalbeamte aus dem Kreis Coesfeld und, über Skype zugeschaltet, eine Betroffene, die sich aus den Fängen eines Loverboys befreien konnte.

Als Vater einer elfjährigen Tochter habe es ihn förmlich „gepackt“, als er das erste Mal von der Loverboy-Masche hörte. „Auch bei uns gibt es Gefahren, von denen unsere Kinder und Eltern wissen müssen“, folgerte er. Für Walburga Niemann vom Runden Tisch ist „Loverboy“ ein harmloser Begriff für ein kriminelles Geschäftsmodell. Wie dieses Modell funktioniert, schilderte Bärbel Kannemann, die 2013 den Verein „NO Loverboys“ gegründet hatte.

Nüchtern beschrieb sie, wie diese Kriminellen, unbemerkt von den Familien und Lehrern, Mädchen aus allen sozialen Schichten die große Liebe vorgaukeln. In Wirklichkeit machen sie sie abhängig, „missbrauchen, misshandeln und verkaufen“ sie, so Bärbel Kannemann. Geschockt zeigten sich ihre Zuhörerinnen und Zuhörer, wie verbreitet die Loverboy-Masche ist. Nach einem ihrer Vorträge in Herne hätten sich fünf betroffene Mädchen gemeldet, in einer Schule im Kreis Borken waren es elf Mädchen. „Ich habe bisher 200 Schulen besucht, nur in zweien davon gab es keine Betroffenen“, zog sie eine Bilanz, die sprachlos machte.

Vor dem Amtsgericht Lüdinghausen wurde erst vor kurzem ein Fall abgeschlossen. Betroffen war eine 15-Jährige. Von einem Fall, „der auch uns an unsere Grenzen bringt“, sprachen Ulrike Twiehoff und Guido Prause von der Kreispolizei. Sie fordern mehr Prävention, „denn hier werden junge Leben komplett zerstört“.

Ein Ausstieg, wie er Sandra Norak gelang, ist ohne Hilfe kaum möglich. Sie hatte als 16-Jährige über einen Chat einen 20 Jahre älteren Loverboy kennengelernt. „Er war ein erwachsener Freund, der für mich da war“, schilderte sie via Skype. Doch schnell zwang er sie in ein Bordell, wo sie als „Vollzeitprostituierte“ anschaffen ging. „Man hält nur durch, wenn man alles Empfinden in unerträglichen Situationen einfach abschaltet“. Nach sechs Jahren befreite sie sich, heute studiert sie Jura – auch weil sie sich für eine noch härtere Gesetzgebung und schärfere Strafen gegen Freier einsetzt.

 

Nüchtern, aber umso eindringlicher schilderte die ehemalige Kriminalbeamtin (r.), wie perfide Loverboys vorgehen. Foto: Büro Marc Henrichmann

Was sie geschafft hat, gelingt nur wenigen Betroffenen: Sandra Norak schilderte, per Skype zugeschaltet, wie sie sich aus den Fängen eines Loverboys befreien konnte. Foto: Büro Marc Henrichmann